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VIERERKETTE: GEDANKEN ZU BEMERKENSWERTEM IM SPORTMANAGEMENT – „ZOFF UND REIBUNG STATT LANGEWEILE“

Zugegeben, meine beruflichen Wurzeln liegen nicht im Sport. Vielmehr wechselte ich vor vier Jahren aus der Finanzbranche in die Welt, für die ich wirklich brenne. Doch wenn ich nach mittlerweile vielen Besuchen auf Sport- und Fußballkonferenzen eines wirklich vermisse, dann ist es eine positive Streitkultur. Stattdessen erlebe ich bis auf ganz wenige Ausnahmen bei Veranstaltungen jedes Mal, wie sich die Protagonisten gegenseitig auf die Schultern klopfen. Für die Branchenvertreter im Sport scheint es nur eine Richtung zu geben: schneller, höher, weiter. Im Ernst jetzt? Zofft Euch doch mal! Oder sorgt wenigstens für ein bisschen Reibung! 

Die großartige Johanna Mühlbeyer, Gründerin von EQUALATE, einer Beratung zum Aufbau eines diverseren & inklusiveren Umfelds, hat in den vergangenen Wochen zwei hörenswerte Podcasts produziert: zum einen eine Jahresauftakt-Folge ihres eigenen Podcasts EQALATE Sports mit der Moderatorin Lisa Ramuschkat und wenige Tage später einen mit SPONSORs zum Thema, na klar: Diversität und Inklusion. Nach der Veröffentlichung der zweiten Podcasts wirbt Philipp Klotz von SONSORs auf LinkedIn für die Produktion und bedankt sich bei Johanna: „Kein Unternehmen und auch keine Sportorganisation kann es sich 2022 noch leisten, diese Themen nicht ganz oben auf der Agenda zu haben. Ich habe in dem Podcast viel gelernt.“ U.a. führt er auf, „warum beim SPOBIS bisher so wenig Frauen auf der Bühne auftreten und warum sich das unbedingt ändern sollte.“ Johanna lässt sich diese Chance nicht entgehen und antwortet: „Da wir ja im Sport sind und den Wettbewerb mögen: Steckt Euch doch mal die Challenge, auf dem SPOBIS 2022 im Herbst mit 25% Frauen auf der Main-Stage vertreten zu sein. ;-)“ Großartiger Post, ich war gespannt auf die Reaktion. Die kam prompt, blieb aber mehr als unverbindlich: „Gebe ich gerne an die Kollegen weiter, wenn auch nicht ganz einfache Aufgabe wie wir ja auch im Podcast besprochen haben. Das Ziel eint uns auf jeden Fall.“

Ganz ehrlich: Eigentlich hatte ich nichts Anderes erwartet. Denn als Plattform für kontroverse Diskussionen habe ich den SPOBIS und auch andere Konferenzen wie Spielmacher und die Fußball Kongresse bisher nicht wahrgenommen. Seien wir doch ehrlich: Johannas Thema gehört auf die Mainstage. Und zwar mit Befürwortern und mit Gegnern. Zu dem Thema gibt es schließlich nicht nur eine Meinung. Zumindest kenne ich verantwortliche Sportmanager, die von großen Schwierigkeiten berichten, Frauen fördern zu wollen, aber nicht ausreichend qualifizierte Bewerbungen zu haben.

Hat jemand von Euch schon einmal Vertreter der aktiven Fanszene gemeinsam auf einem Podium mit Klub- und Verbandsmanagern, mit Vermarktern und Broadcastern erlebt, wie sie über die Kommerzialisierung des Fußballs streiten? Über WM-Vergaben nach Katar? Oder über Olympische Spiele in China? So was scheint der Sportbranche gar nicht in den Sinn zu kommen, da würde doch die schöne Wachstums- und Erfolgsstory beschmutzt.

Nach dem letzten SPOBIS 2020 legte die Rheinische Post, die größte Regionalzeitung in Düsseldorf, den Finger gekonnt in die Wunde und titelte: „Beim SpoBis zeigt der Sport sein wahres Gesicht.“ Autor Stefan Klüttermann, Leiter der Sportredaktion, brachte es auf den Punkt: „Eines muss man dem SpoBis lassen: Er versucht gar nicht erst, sich zu verstellen. Er versucht nicht, auf Romantik zu machen. Europas größter Sportbusiness-Kongress … stellt den Sport in seinen 80 Stunden Programm so dar, wie ihn die Branche heute vor allem behandelt: als lukratives Geschäftsmodell. Als Weg, Geld zu verdienen. Und Geld verdient man im Sport, wie anderswo heute auch, vor allem über Daten.“ Und er stichelt weiter: „,Der Fan als Milchkuh des digitalen Zeitalters‘ – so heißt natürlich keiner der Workshops auf dem SpoBis, aber als gedachte Unterzeile steht er unter so manchem Workshoptitel. Insofern zeichnen die zwei Tage vielleicht das ehrlichste Bild des Sports, das verfügbar ist.“

Ich will das an sich gar nicht verurteilen. Immerhin bin auch ich Teil dieses Business. Einmal sogar habe ich eine kontroverse Diskussion auf dem SPOBIS erlebt, als sich Sport 1-Geschäftsführer Olaf Schröder mit mehreren Vertretern von Zweitliga-Klubs über die Abschaffung der Montagsspiele auf seinem Sender stritt. Großartig. Weiter so. Mehr davon. Denn wenn ich mir als Teilnehmer von SPOBIS & Co. eine Sache wünschen dürfte: Holt mehr solcher Themen auf die Bühne! Lasst Kritiker und Kritik zu! Streitet! Erzeugt Reibung, wenigstens ein bisschen! Wir werden es Euch danken.

Sie haben Fragen oder Anregungen zu unserer Kolumne oder möchten sich gerne mit dem Autor austauschen? Hier können Sie mit Gregor Faßbender in Kontakt treten.

 

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