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14.05.2020 News

VSD-Interview: Frank Kosner und Siemen Schmidt von PricewaterhouseCoopers (PwC)

Viele professionelle Sportligen in Deutschland haben bereits ihre Saisons 2019-20 abgebrochen – zum Schutz von Spielern, Verantwortlichen, Fans und Event-Besuchern. In den professionellen Fußballligen soll hingegen der Ball bald wieder rollen: Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise sind aber damit bei weitem nicht gelöst. Unser Regionalleiter Rhein Main Timo Simon hat mit Frank Kosner und Siemen Schmidt von PricewaterhouseCoopers (PwC) zu den Auswirkungen von COVID-19 gesprochen und welche Maßnahmen nun Wirkung entfalten könnten.

1. Herr Kosner, Herr Schmidt, einige Experten gehen derzeit davon aus, dass der Profifußball-Spielbetrieb erst 2021 wieder einen eingeschwungenen Normalzustand nach COVID-19 erreicht. Glauben Sie, dass die Klubs eine solche Entwicklung problemlos überstehen oder werden wir starke Konsolidierungstendenzen im Markt sehen?

Das lässt sich pauschal nicht so einfach beantworten. Beobachtbar ist natürlich, dass ein Abbruch der Saison, aber auch das Stattfinden von Geisterspielen, die Profiklubs in eine ernsthafte finanzwirtschaftliche Krise versetzt. Jedoch müssen wir beachten, dass es innerhalb der drei großen deutschen Fußball-Ligen Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga ein großes wirtschaftliches Gefälle zwischen den Klubs gibt – dies gilt auch für die Rücklagen. Zusätzlich haben bereits viele Fußballklubs mit der Aussicht auf einen Aufstieg, und damit einhergehende TV-Mehrerlöse, überinvestiert. Der Drang nach höheren TV- und Sponsoringerlösen der jeweils höheren Liga führt somit in der 2. Bundesliga und 3. Liga zu ligaweiten Unternehmenskrisen in einem noch nicht zu beziffernden Ausmaß. Jedoch haben wir in der Vergangenheit auch immer wieder Unternehmenskrisen im Fußball wahrgenommen und dabei beobachten können, dass trotzdem verhältnismäßig wenige Insolvenzen zu verzeichnen sind. Denn häufig haben sich Stakeholder im Umfeld des Fußballklubs, wie Mäzene, Sponsoren oder vor allem Fans, gefunden, die durch wertvolle Beiträge eine Insolvenz verhindert haben – prominente Beispiele sind sicherlich der Hamburger SV, 1.FC Kaiserlautern oder TSV 1860 München.

Deshalb liegt die Hypothese nahe, dass es nicht zu einer breitflächigen Konsolidierung im professionellen Fußballmarkt kommen wird. Jedoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine Hand voll Klubs, die sich bereits in der Vergangenheit in finanzieller Schieflage befunden haben, von einer Insolvenzreife betroffen sein werden. Man sollte aber auch betonen, dass eine Insolvenz nicht zwangsläufig das Aus für eine Organisation bedeutet, sondern auch ein Neuanfang darstellen kann.

2. Vereinzelt wird schon der Ruf nach staatlichen Unterstützungsleistungen laut. Denn auch in der Vergangenheit hat es bereits Fälle gegeben, dass Klubs in finanziellen Nöten von der öffentlichen Hand entlastet wurden. Wie realistisch erscheint Ihnen ein solcher Rettungsschirm des Staates?

Selbstverständlich haben Fußballklubs bereits jetzt Zugang zu den Hilfsmaßnahmen, die allen Wirtschaftsunternehmen zustehen, wie beispielsweise dem Kurzarbeitergeld. Vereinzelt nehmen wir auch wahr, dass auf kommunaler Ebene bereits weitere Entlastungsmaßnahmen geschaffen wurden, wie Stundung oder Aussetzung von Stadionmieten, wenn die Spielstätte in kommunalem Besitz ist. Gleichzeitig steht der DOSB, in dem auch der DFB organisiert ist, auf allen Ebenen mit der Politik in Gesprächen, um die wirtschaftlichen Schäden auf den organisierten Sport abzumindern. Aber eine Sonderlösung, bei dem auf Bundesebene weitere Mittel freigegeben werden, um den professionellen Fußball zu unterstützen, scheint für uns nicht realistisch.

3. Zuletzt wurden immer mehr Stimmen laut, die eine Reduzierung oder Deckelung von Spielergehältern (Salary Cap) forderten, um sich unter anderem auch vor finanziellen Krisen zu schützen? Wäre ein solcher Vorstoß denkbar und realisierbar?

Auch wir haben die im Markt aufgeworfenen Ideen von Salary Caps aufgenommen und diskutiert. Dieser Vorstoß, der im Wesentlichen aus dem US-Sport übernommen wurde, greift jedoch sehr stark in die wettbewerbsökonomischen Gefüge des Profifußballs ein. Eine Lösung auf internationaler oder kontinentaler Ebene wäre sicherlich wünschenswert und grundsätzlich denkbar, aber schwer realisierbar, wenn nicht alle Verbände nach COVID-19 umdenken. Eine nationale Lösung, um den deutschen Fußball wirtschaftlich nachhaltiger zu gestalten, kann jedoch zu einem Verlust von Leistungsträgern führen, die in ihrer kurzen Profikarriere versuchen, ihr Einkommen zu maximieren. Es würde sich somit die Frage stellen, inwieweit die Fußball-Bundesliga ihr kulturelles Erbe, auf Kosten der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, bewahren möchte.

4. Auch eine deutliche Minderung der Transfersummen wird immer wieder gefordert. Ist eine solche Maßnahme sinnvoll, oder wäre es sogar kontraproduktiv, da gerade deutsche Klubs häufig als Ausbildungsstätte fungieren und hohe Ablösesummen von europäischen Topklubs generieren?

Die Beobachtung und die Kritik, dass sich aktuelle Transfersummen in einer schwindelerregenden und auch teilweise nicht nachvollziehbaren Höhe befinden, war bereits vor COVID-19 omnipräsent und begleitet den Fußball im Prinzip seit dem Beginn der Kommerzialisierung in den 90er Jahren. Was aber unseres Erachtens nun deutlich wurde, ist die Zerbrechlichkeit des Systems, auch zu einem großen Teil durch die Transfersummen, denn die Transfers werden auch häufig über eine längere Zeit finanziert. Das Ausbleiben von Einnahmen aus dem Spielbetrieb kann also auch über diesen Kanal zu ausbleibenden Raten und einem Domino-Effekt führen. Aber auch hier kann eine Regulierung nur auf internationaler oder zumindest auf kontinentaler Ebene geschehen und auch nur in Kombination mit weiteren Regulierungen, die den Fußball auf ein finanzwirtschaftlich stabiles Fundament stellen.

5. Aber was können die Fußballklubs denn nun tatsächlich tun, um die Auswirkungen von COVID-19 zu überstehen? Welche Möglichkeiten gibt es kurz- und langfristig, um den eingeschwungenen Normalzustand wieder zu erreichen?

Auf langfristige Sicht ist es zweifelsohne von zentraler Bedeutung, dass Profiklubs im deutschen Fußball mehr Wert auf wirtschaftliche Nachhaltigkeit und aktives Risikomanagement legen müssen. Die Corona-Krise hat uns erneut offengelegt, wie zerbrechlich das Konstrukt des professionellen Fußballs ist und wir eine problemlose Weiterführung des operativen Geschäfts nicht immer voraussetzen können.

Deshalb sehen wir die Profiklubs in der Pflicht sich strategisch klarer zu positionieren und nur mit konservativen Wachstumsraten sportlicher Erfolge zu planen. Dabei ist aber auch nicht zu vernachlässigen, dass dazu die Reporting- und Controllingstrukturen weiter professionalisiert werden müssen. Auch die Diskussion von Ausgliederungspflichten zur Minimierung von Risiken bei eingetragenen Vereinen und die Anpassung der 50+1-Regel zur Schaffung finanzwirtschaftlicher Alternativen muss wieder geführt werden. Und zuletzt müssen sich Fußballklubs durch Diversifizierung, Digitalisierung und Fan-Engagement weiter unabhängiger vom sportlichen Erfolg machen, um den Wert der eigenen Marke auch in Krisenzeiten zu monetarisieren.

Aber am Ende des Tages müssen Fußballklubs zunächst die kurzfristige Liquiditätssituation meistern, weswegen wir dazu anregen unmittelbar mit internen und externen Stakeholdern über folgende Punkte intensiv zu diskutieren:

●        Schonung der Liquidität: zum Beispiel Stornierung nicht kritischer Ausgaben, Bestellungen und Investitionen, Anpassung Zins- und Tilgungsdienst, Steuerstundung etc.

●        Sicherung der Finanzierung: zum Beispiel Aussetzung von Covenants, Tilgungsaussetzung, Stillhalte-Vereinbarungen, Brückenfinanzierung, Nutzung bestehender Sicherheiten zur Ausweitung der Finanzierung, Factoring, Sale & Lease Back, Nutzung öffentlicher Programme (siehe unten), Eigenkapitalerhöhung

●        Sicherung der Zulassung zum Spielbetrieb („Lizenzierung“): Berücksichtigung von Vorgaben in den Lizenzierungsordnungen

●        Kostensenkungsmaßnahmen: Überprüfung Werbebudget, Überprüfung Instandhaltungspläne, Nachverhandlung Leasing-Verträge, Mietstundungen etc.

●        Staatliche Stützungsmaßnahmen: zum Beispiel Kurzarbeitergeld, Steuerstundung, KfW-Förderprogramme (über Hausbank), Bürgschaften (über Hausbank)

●        Projekt Management Office (PMO): Einrichten eines zentralen Projektmanagements zur Bündelung aller Informationen und Handlungsstränge an einer Stelle sowie Sicherung einer einheitlichen und schnellen Vorgehensweise

●        Arbeitsrecht: zum Beispiel Erstattung der Lohnkosten bei Quarantäne / Beschäftigungsverbot nach IfSG

●        Insolvenzrecht: Beurteilung der insolvenzrechtlichen Situation (aktuell veränderte Gesetzeslage zunächst bis zum 30.09.2020).

Wir nehmen aber auch zufrieden wahr, dass die deutschen Fußballklubs in der Krise kreativ wurden und durch digitale Stadionwürste, Online-Fanfeste und diverse Esport-Veranstaltungen Wege finden, den Fan weiter an den Verein zu binden und dabei vor allem ein wenig Abwechslung im Krisen-Alltag zu schaffen.

6. Jetzt haben wir im Wesentlichen über Fußball, das größte und populärste Teamsport-Business in Deutschland, gesprochen. Gelten Ihre Annahmen auch für andere Sportarten wie Handball oder Eishockey?

Selbstverständlich sehen wir auch die Entwicklungen in den anderen Sportarten, die uns beunruhigt. Gerade in den von Ihnen angesprochenen Sportarten ist der Wert des Spielbetriebs enorm, da geringere Sponsoring- und TV-Erlöse als im Fußball zufließen. Wie bereits angesprochen steht der DOSB auf allen politischen Ebenen in Diskussion zu weiteren staatlichen Unterstützungsmaßnahmen. Wir müssen unbedingt darauf achten, dass der öffentliche Diskurs sich nicht nur auf „König Fußball“ beschränkt, sondern wir uns ebenfalls mit den Entwicklungen aller organisierten Sportarten in Deutschland beschäftigen.  Selbstverständlich gelten die oben genannten Maßnahmen für alle organisierten Sportarten in Deutschland.

Aber bei aller Diskussion um die wirtschaftliche Situation und Entwicklung des Sports in Deutschland, möchten wir uns auch an dieser Stelle bei allen Mitbürgerinnen und Mitbürgern bedanken, die derzeit durch ihren unermüdlichen Einsatz unser System am Laufen halten. Vielen Dank dafür!

Bei Rückfragen oder Hilfestellungen können Sie sich gerne an die Experten des PwC Sport Business Advisory-Teams wenden:

Frank Kosner (Partner Tax)

Stefan Schwertel (Director Strategie & Business Reviews)

Siemen Schmidt, Strategie & Unternehmensrestrukturierung, 

Konstantin Druker (Unternehmensrestrukturierung & Business Reviews)