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31.10.2020 News

Viererkette: Gedanken zu Bemerkenswertem im Sportmanagement

Wir präsentieren Ihnen unsere neue Kolumne "Viererkette: Gedanken zu Bemerkenswertem im Sportmanagement", die ab sofort regelmäßig mit sportthematischen Gedankenanstößen von unseren vier Experten aus dem VSD-Netzwerk gefüllt wird. Mit in der Runde sind: Prof. Gerhard Nowak, Mario Leo, Gregor Faßbender-Menzel und Stephan Peters. Dabei nimmt jeder der vier Experten einen unterschiedlichen Blickwinkel ein. Den Start macht VSD-Mitglied Gregor Faßbender-Menzel.

"Ein (kommunikatives) Ei ins Nest gelegt"

Josep Maria Bartomeu, zurückgetretener Präsident des FC Barcelona, hat bei seiner letzten Pressekonferenz im Amt eher beiläufig eine Bombe platzen lassen. Barca werde an einer künftigen europäischen Superliga teilnehmen. Echt jetzt? Wie kann man ein solch wichtiges und kommunikativ herausforderndes Thema derart verstolpern?

In Madrid, München, Mailand, London, Manchester, Paris und wahlweise auch in Nyon (UEFA) und Zürich (FIFA) mögen einige am vergangenen Dienstagabend in die Tischkante gebissen haben. Denn da bekam plötzlich etwas neue Nahrung, das zwar regelmäßig in den Diskussionen um die Zukunft des europäischen Fußballs auftaucht, um das es aber, vermutlich coronabedingt, in den vergangenen Monaten eher ruhig geworden war: die Gründung einer europäischen Superliga. Der FC Barcelona werde daran teilnehmen, frohlockte der scheidende Klubchef Bartomeu: "Ich kann heute eine Nachricht ankündigen, die die Einnahmeperspektiven des Klubs für die kommenden Jahre auf außergewöhnliche Weise verändern wird. Das Klubpräsidium hat die Anforderungen verabschiedet, um an einer künftigen europäischen Superliga teilnehmen zu können – ein Projekt, das die großen Fußballklubs in Europa vorantreiben." Javier Tebas, Präsident der spanischen Fußball Liga LFP, war gleich auf 180. Am Mittwoch polterte er in einem Interview mit der Agentur AP, er habe schon in der Vergangenheit metaphorisch von einer illegalen Party im Morgengrauen gesprochen, "jetzt wissen wir von zumindest einem, der auf der Party dabei war“, sagte Tebas in Richtung Bartomeu.

Man kann Tebas‘ Reaktion nur allzu gut verstehen. Auch DFL-Boss Christian Seifert wird ganz bestimmt wenig erfreut gewesen sein, denn zuallererst hätte eine neue Liga der europäischen Superklubs Auswirkungen auf die nationalen Ligen: Die Bundesliga ohne Bayern und BVB? Die Premier League ohne Manu, ManCity, Chelsea und Liverpool? Die Primera Division ohne Barca und Real? Die Serie A ohne Juve, die Roma und die Klubs aus Mailand? Übrigens habe ich persönlich gar nichts gegen eine europäische Super League-Gründung. Im Gegenteil, sie wird kommen. Was nämlich immer vergessen wird: Schon der Gründung der Bundesliga im Jahr 1962 (Start war dann zur Saison 1963/64) lag ein vergleichbarer Gedanke zugrunde: Die Oberligen waren den (vermeintlich) großen Klubs zu klein. Vielleicht mag damals noch nicht das große Geld der dominierende Treiber gewesen sein, aber mit Sicherheit der Wunsch nach einem sportlichen Wettkampf auf höchstem Level nur unter den Großen. Ganz nebenbei: Die genaue und zugebenermaßen komplizierte Zusammensetzung des ersten Bundesliga-Teilnehmerfelds war übrigens Auslöser einiger der größten Fanrivalitäten hierzulande, so z.B. zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 oder zwischen Alemannia Aachen und dem 1. FC Köln. Sagen wir es mal so: Im Rückblick ist seinerzeit wohl nicht alles ganz so transparent und korrekt abgelaufen.

Mag die Gründung der europäischen Super League mit Blick auf die Sponsoren noch ein Selbstläufer werden, mit Blick auf die Fans ist sie es ganz gewiss nicht. Und mit Blick auf die nationalen Ligen und deren Sponsoren und Anhänger schon mal gar nicht. Die Zeiten sind immerhin vorbei, in denen der Fußball nur ein Stöckchen hinhalten brauchte, und die Fans sprangen schon drüber. Stichwort: WM in Katar. Stichwort: Champions League-Finale in Baku. Stichwort: Nations League. Und dann gibt es ja noch diesen neumodische Purpose, der sich in den vergangenen zwei, drei Jahren im Marketing so rasant ausgebreitet hat. Warum machen wir das Ganze überhaupt? Ganz ehrlich: Auch wenn die nationalen Ligen ohne die Dauermeister aus Turin, München und Paris wieder spannender werden sollten, so riecht eine europäische Super League doch verdammt nach einem alles dominierenden Motiv: Geld. Nicht umsonst stellte Bartomeu die finanzielle Sicherheit für seinen Verein heraus.

Die Gründung der Super League wird alles andere als ein kommunikativer Selbstläufer. Hier braucht es eine Kommunikationsstrategie samt ausgefeiltem internationalen und nationalem Stakeholder-Management. Davon war am vergangenen Dienstag allerdings (noch) nichts zu spüren. Vielleicht ist es aber auch ganz anders, und hinter dieser im ersten Moment merkwürdigen Launch-Kommunikation steckte Kalkül. Mag sein, dass es eine sehr subtile Form der Big Bang-Kommunikation war, abgesegnet von den möglichen Teilnehmern der Liga sowie dem Veranstalter und/oder Investor. Sorry, aber dann habe ich es nicht verstanden. Ganz ehrlich: Ich hätte es anders gemacht.

Zum Schluss noch ein Gedanke, mit dem sich vielleicht ein zweites großes Thema dieser Woche ganz elegant verbinden lässt. DFL-Chef Christian Seifert hat angekündigt, seinen 2022 auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern. Natürlich wird spekuliert, welche neue Aufgabe für ihn danach reizvoll sein könnte. Die Führung eines DAX-Unternehmens wurde genannt, denn immerhin kam Seifert aus dem Quelle-/Karstadt-Konzern zur DFL, ist also nicht nur auf den Sport fixiert. Marcel Reif hält es in seinem Bild-Podcast auch die Premier League oder gar die NFL oder NBA für möglich. Auch wenn mich niemand fragt: Ich denke da eher an die Leitung einer europäischen Superliga.

Gregor Faßbender-Menzel (Jhg. 1968) verfügt über mehr als 20 Jahre Führungserfahrung in strategischer Kommunikationsarbeit sowohl auf Unternehmens- wie auch auf Agenturseite. Sein Schwerpunkt lag lange Zeit auf der Kommunikation für und bei Finanzdienstleister(n). Zuletzt leitete er die Kommunikationsabteilungen der Volkswagen Financial Services AG in Braunschweig und der AXA Konzern AG in Köln. 2015 erwarb der Diplom-Volkswirt zusätzlich einen MBA in Sportmanagement, übrigens mit einem VSD-Stipendium. Drei Jahre später machte er sich mit FASSBENDER SportsCom selbstständig und somit seine Leidenschaft zum Beruf. Seitdem entwickelt er als Kommunikationsberater ausschließlich Matchpläne für die Kommunikation emotionaler Sportmarken wie Klubs, Verbände und Sportler.

Sie haben Fragen oder Anregungen zu unserer Kolumne oder möchten sich gerne mit dem Autor austauschen? Hier können Sie mit Gregor Faßbender-Menzel in Kontakt treten.